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Dabei sein ist alles...

Karte

17.07 Uhr - eine Email landet in meinem Posfach im Büro, Betreff "DFB-Pokal Nürnberg:Unterhaching". Klingt nach einer ungeheuer willkommenen Abwechslung in einer Spätschichtwoche. Also: kurz entschlossen geht es heute eher aus dem Büro nach Hause, schnell etwas wärmer anziehen, ist mächtig kalt draussen.
Wie verabredet stehe ich um 18.30 Uhr vor meiner Haustür und warte auf die nette, junge Dame, die mir diesen freien Abend beschert. Es ist wirklich kalt. Aber ich hätte ja auch in der Wohnung warten können. Ich wollte halt mal pünktlich sein.

19.07 Uhr - nachdem ich nochmal rauf in die Wohnung bin, eine Packung Tempos geholt, wieder vor die Haustür gegangen, erneut hoch in die Wohnung gegangen bin, um die gelben Säcke noch vor die Tür zu stellen, biegt sie im "kleinen giftgrünen" (ich meine ihr Auto - tsss) um die Strassenecke. Los geht´s Richtung Stadion. Ein kleiner Fußmarsch noch und - ab in die Schlange der Kurzentschlossenen, die ihre Karten auf den letzten Drücker an den Stadiontoren ergattern wollen. Irgendwie habe ich den Verdacht, dass ich einige dieser Menschen heute morgen noch in der Fußgängerzone gesehen habe, auf der Jagd nach den noch dringend benötigten Weihnachtsgeschenken. Fühle ich mich angesprochen oder gar verbunden? Nein, ich hetze nicht - ich schlendere durch die Stadt und zermatere meine verbliebenen grauen Zellen suche wohlüberlegt nach den letzten Präsenten (Merker für mich: nur noch 4 Tage!!! *help*)
Zurück zum Geschehen: Karte ergattert, raus aus dieser Schlange, rein ins Stadiongelände und - rein in die nächste Schlange: 2 Glühwein bitte! Es ist doch immer wieder interessant, wie manch Stadionbesucher versucht, 5 Bierbecher, 1 Tüte Pommes und 3 Bratwürste im Brötchen gekonnt durch die Reihen zu den wartenden Kumpels zu balancieren, während er sich mit einer Hand den Geldbeutel in die Gesäßtasche steckt und mit der anderen dem Schiedsrichter den Mittelfinger zeigt! Irgendwie bin ich beeindruckt.

Kurz nach Anpfiff geht´s dann endlich in den Block. Nachdem wir uns durch eine Reihe bereits sitzender Deppen Zuschauer Glühweinbecher-balancierender-Weise zu unseren vermeintlichen Plätzen vorgekämpft haben, sind diese besetzt. "Tschuldigung, seid ihr sicher, dass Ihr auf den richtigen Plätzen sitzt?" frage ich höflich. Mit dem Gesichtsausdruck eines südostchinesischen Reisbauern, der von einem paraguayanischen Rinderzüchter gefragt wird, wie er denn das Wetter in Norden Dubais empfinde, kriege ich vom Befragten ein vielsagendes "öhöm" als antwort. Nee, is klar, bleib mal sitzen. Gehen lernst Du noch, wenn Du groß bist. Also entscheiden wir uns für zwei freie Plätze woanders. Sind ja genug da. Und wie nett die "Nachbarschaft" dort sein wird, sollten wir noch erfahren.

Zum Spielgeschehen gibt es eigentlich wenig zu sagen: Not gegen Elend tifft es nicht annähernd. Durchfall gegen Mittelohrentzündung kommt der Sache schon ziemlich nahe. Aber man ist ja zu zweit und kann sich unterhalten. Oder man wird "unterhalten". Eine Reihe vor uns sitzt der absolute Paradefan, ausgestattet mit Jacke, Mütze, Handschuhen aus dem Fanshop, sowie Fahne, Tröte und Hand-Klapper.
Wiederum eine Reihe weiter sitzt ein netter, älterer Herr, der in jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufspringt, abwechselnd Fan-Parolen oder Beleidigungen skandiert, um sich anschließend lautstark und unter Androhung von körperlicher Gewalt ("...lässt des jetza sein odda I hau Dir a Paar auf die Gosch´n...") über die Klappergeräusche des Paradefans hinter ihm zu beschweren. Ein paar Plätze rechts neben uns erlebt jemand schon sein eigenes Fußballspiel. Delirium war bei dem Spielverlauf möglicherweise gar keine so schlechte Idee.
In der Halbzeit dreht sich plötzlich der Paradefan zu uns um und nuschelt mir etwas entgegen "Is Halbzeit!" Ach nee, dachte, ist Hitzefrei! Aber so ist das natürlich eine andere Sache.

Zweite Halbzeit: Mein persönliches (an das Spiel gekoppelte) Highlight ist ein Bierbecher, der nach ausbleibendem Elfmeterpfiff an meinem Kopf vorbeisegelt. Meine beste Feundin erfreut sich unterdessen um so mehr an der Kontaktaufnahme des Paradefans ("Magst was trinken? Musst Dich nicht ärgern...") und der Frage der Begleitung des Delirium-Kollegen ("Magst den hier net heiraten?"). Menschen, Tiere, Sensationen! Ganz großes Kino - und noch größere Kälte! Aber da blieb uns nur eins übrig - Zähne zusammenbeißen.

kalt

Irgendwann hatten 90 Minuten Ihr Ende gefunden - Stand "0:0". Verlängerung! "Das wird für uns noch ne lange Nacht in Nürnberg" hauchte der Paradefan meiner Begleitung entgegen. Ihr Blick sprach Bände und erinnerte irgendwie an einen alten Bekannten.
Die Verlängerung bot in den knapp 30 Minuten alles, was man von einem Fußballspiel in der regulären Spielzeit erwartet: Kampf, Torchancen, Aufregung, gelbe Karten! Warum erst so spät?
Jedoch nütze es nix: Elfmeterschiessen! Heute gab es das volle Programm!

Elfmeterschiessen

Der Fußballgott meinte es gut mit den Clubberern: 2:1 im Elfmeterschiessen (vier gehaltene Elfmeter). Und siehe da, im Siegestaumel kam zusammen, was zusammen gehört. Nein, der Paradefan heiratete weder meine Begleitung (auch wenn diese dies schon fürchtete), noch den Delirium-Mann, sondern der leicht aggressionsgeladene Herr mit Klapperphobie eine Reihe weiter kam zu ihm hoch, entriss ihm seine Fahne, schwengte sie ausgiebig und nahm unseren Paradefan in den Arm. Da sag noch mal einer Männer könnten keine Gefühle zeigen! Es braucht nur den richtigen Anlass! Ergreifend!

Gekrönt wurde der Abend damit, dass meine liebe beste Freundin die Fahne dann auch nochmal in die Hand gedrückt bekam. Das ganze musste natürlich dokumentiert werden (inkl. den Paradefan -unterhalb der Fahne-). Wir möchten uns ja später nochmal daran erinnern.

Fahne

Und so neigte sich ein äußerlich kalter, aber im Herzen umso wärmer gebliebener Abend dem Ende zu. Danke an alle Beteiligten, es war schön mit Euch!

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Zuletzt aktualisiert: 26. Jan, 10:01